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Sechs Schritte zum Ganzkoerperlichen Orgasmus

By: Zeenat Brüsch

Joe Kramers Interesse gilt in erster Linie dem Tantra für Männer. Für sie hat er seine Taoist Erotic Massage entwickelt, bei uns bekannt als Zauberstab-Massage. Von ihm stammen auch die "Sechs Schritte zum ganzkörperlichen Orgasmus". Zeenat B. Brüsch hat ihn zum Interview in Zürich getroffen. Und schließlich hier noch die Biographie von Joe Kramer, am Ende dieser Seite.

 

Sechs Schritte zum ganzkörperlichen Orgasmus

 

1. SCHRITT: BELEBE DEN KÖRPER
Den konventionellen westlichen Sex bezeichne ich als "Nekrophilie", das bedeutet soviel wie "Sex mit einem toten Körper". Weil wir beim Sex gewöhnlich die Muskeln verkrampfen oder gar den Atem anhalten, versteifen wir uns und töten unsere körperliche Lebendigkeit ab. Statt dessen sollten wir unseren Körper aufwecken und sich öffnen lassen, damit die sexuelle Energie frei zirkulieren kann. Ein fetter und unbeweglicher Körper kann das nicht. Ein von Angst besetzter Körper kann das ebenfalls nicht. Und ein Körper, der von Drogen, Alkohol oder Zigaretten abhängig ist, vermag das ebenfalls nicht. Guter Sex, ekstatischer Sex, setzt einen gesunden, drogenfreien, entspannten und lebendigen Körper voraus. Schritt 1 bedeutet also, den Körper in Form zu bekommen, durch regelmäßige, tägliche Übungen, durch Strecken, Beugen, Sex ist eine körperliche Angelegenheit und keine Sache des Kopfes. Wenn wir unsere Körper wieder beleben, beleben wir auch unseren Sex.

2. SCHRITT: ENTSPANNEN
Sex ist eine der fundamentalsten Energien: heilend, lebensbejahend und lustvoll. Immer, wenn wir unsere Muskeln anspannen, beschränken und blockieren wir den normalen Fluss der sexuellen Energie. Wenn wir entspannen und die Energie durch den Körper zirkulieren lassen, dann verstärkt sich diese Energie, nimmt uns unsere Ängste, unsere Verzweiflung und unseren Selbsthaß und kulminiert schließlich in einem erfrischenden und verjüngenden ganzkörperlichen Orgasmus.

3. SCHRITT: BEWUSSTES ATMEN
Wenn Sex Energie ist, dann ist der Penis der Brennofen und die Lungen sind der Blasebalg. Je mehr man atmet, umso mehr fühlt man. Auch die Umkehrung dessen ist richtig. Ein Faktum, welches unsere Kultur mit ihrer negativen Einstellung gegenüber Sex allzu erfolgreich ausgebeutet hat. Wir werden erzogen zu "Subventilatoren", zu Menschen, die nicht vollständig atmen. Während sexueller Aktivität schürt bewußtes Atmen die sexuelle Energie und hilft dabei, daß sie durch den Körper zirkulieren kann.

4. SCHRITT: NIMM DIR ZEIT!
Ich kann mich daran erinnern, daß Sex, der mehr als 20 Minuten dauerte, mir wie eine sehr lange Zeit erschien. Über eine halbe Stunde lang erigiert zu sein, ermüdete mich und begann manchmal sogar, mir Schmerzen zu bereiten. Heute bleibe ich gewöhnlich über Stunden hinweg erigiert und fühle mich alles andere als müde dabei. Der Schlüssel dafür ist Schritt 2: entspannt bleiben! Verkrampfte Muskeln ermüden schnell und fangen an zu schmerzen. Entspannte Muskeln finden Vergnügen am Fluß der sexuellen Energie, fühlen sich regeneriert und aufgeladen. Versuche einmal, entweder allein oder mit einem Partner, erregt zu werden und die Energie der Erregung über eine ganze Stunde lang durch den Körper zu verteilen. Wenn der Drang zum Orgasmus sich durchsetzen will, entspanne Dich, atme voll und halte Deine Erregung unter der Grenze zur Ejakulation und fahre fort, die erotische Energie zu verteilen.

5. SCHRITT: KONZENTRATION AUF DEN KÖRPER OHNE ZU FANTASIEREN
Dieser Schritt ist der weitaus radikalste und vielleicht der wesentlichste überhaupt. Fantasien sind Fantasien, etwas, was nicht real und nicht "hier und jetzt" ist. "Ekstatischer Sex" hat nichts mit Fantasien zu tun, sondern konzentriert sich auf den Körper und jede Empfindung darin. Wie fühlt sich Deine linke Achselhöhle an? Dein rechter Ellbogen? Dein Anus? Deine Augen? Laß Deinen Schwanz nicht außer acht! Im Gegenteil, stimm Dich darauf ein! Wie fühlt sich der Schaft an? Die Eichel, die Schwanzspitze, die Hoden ... Und dann lass Dich mit dem Strom des erotischen Vergnügens treiben, welches Deinen Körper durchflutet. Leg Dir Deine Lieblingsmusik auf, zünde Kerzen an, mach etwa zehn Minuten lang einige Stretchübungen und leg Dich dann zurück. Laß Deinen Schwanz steif werden, ohne ihn zu berühren und atme voll und bewußt. Konzentriere Dich darauf, wie sich jeder einzelne Teil Deines Körpers anfühlt. Streichle dann ganz sanft und zärtlich - möglichst unter Benutzung eines Öls - Deinen Schwanz und intensiviere die erotische Ladung.

6. SCHRITT: BEWEGUNG UND GESCHREI
Was könnte, wenn man intensive, erotische Freuden erlebt, natürlicher sein, als sich zu bewegen, zu stöhnen und zu schreien?! Wir gehören zu der Gruppe von Lebewesen, die sich mit ihrer Stimme ausdrücken. Wie unnatürlich und repressiv ist es, sich dabei nicht zu bewegen, zu winden, zu ringen oder miteinander zu kämpfen. Singt, stöhnt und seufzt, wenn Ihr bewußt atmet! Macht Euren Sex aktiv und laut! Sex ist ein Fest! Was tun Menschen, wenn sie feiern? Sie tanzen und singen! Deshalb feiert, wenn Ihr Sex macht!

 

Interview mit Joe Kramer

 

In einer eleganten Dachwohnung mitten in Zürich stehe ich Joe Kramer gegenüber: ein gutmütiger, freundlicher Amerikaner mit der Ausstrahlung eines großen Kuschelbären. Etwas rundlich um Bauch und Hüften sieht sein Körper trotzdem harmonisch und wohlproportioniert aus. Sein Händedruck bei der Begrüssung fühlt sich angenehm warm an. Wir setzen uns und kommen gleich ins Gespräch über Annie Sprinkle.

Joe: Bei Annie hatte ich wie bei keinem anderen Menschen zuvor das Gefühl, dass wir miteinander verwandt sind. Wir machen auch beide Kunst: Sie macht gerade ein Video über den Orgasmus und ich mache ein Video über das, was Annie «Miraculous Mooshy Massage» nennt. Annie hat ausserordentlich viel Power und sie ist eine Meisterin des Herzens, sie ist das Herz in Person. Darin ist sie eine Lehrerin für mich.

Wie hast du sie kennengelernt?

Joe: Eines Tages, vor sechs, sieben Jahren, rief sie mich an. Sie hatte ein paar Tapes von mir gehört und wollte mich interviewen. Später fuhren wir zusammen mit etwa zwanzig Leuten für einen zehntägigen «retreat» nach Jamaika. Seither sind wir uns sehr nahe, sind wir Geliebte. Allerdings hat sie alle möglichen Liebhaber und Liebhaberinnen.

Ich habe gelesen, dass du in deinem Leben mit keiner anderen Frau außer mit Annie Sex gehabt hast. Stimmt das?

Joe: Das hängt davon ab, wie du Sex definierst. Ich lehre erotische Massage und mache jede Menge erotischer Arbeit. Meistens mit Männern, aber auch mit Frauen. Natürlich war ich immer wieder bei Frauen sexuell «engagiert» – trotzdem ist Annie die einzige Geliebte, die ich in den letzten 15 Jahren hatte und immer noch habe. Wir arbeiten regelmäßig zusammen. So leiteten wir vor drei Wochen eine Gruppe mit 15 Frauen und 15 Männern. Ungefähr die Hälfte der Frauen war lesbisch und mehr als die Hälfte der Männer war homosexuell. Eine Bedingung in dieser einwöchigen Gruppe war, dass jeder einzelne Mann, jede einzelne Frau mit jedem anderen Mann und jeder anderen Frau zusammen sein würde, um gemeinsam Energie aufzubauen und damit zu arbeiten. Die Idee dabei war, über die sexuellen Vorlieben hinauszugehen. Dass also beispielsweise Lesben und Schwule, gerade weil sie kein erotisches Interesse aneinander haben, gemeinsam erotische Energie aufbauen. So ähnlich ist die Beziehung zwischen Annie und mir, denn ich bin schwul und ihr Hauptinteresse gilt im Moment Frauen. Sie bezeichnet sich als «bisexuelle Lesbierin», was auch immer das heisst.

Was hältst du als Homosexueller von der Theorie, dass beim tantrischen Energieaustausch zwischen zwei Männern die «richtige» weibliche Energie fehlt?

Joe: Diese Theorie ist Ausdruck der New-Age-Homophobie. Die Vereinigung von Mann und Frau ist nur ein Bild. Es geht um Elektrizität und Magnetismus, um das Zusammenkommen von Yin und Yang. Für die meisten wird dies durch Mann und Frau repräsentiert. Aber in jedem Menschen gibt es Männliches und Weibliches. Deswegen können auch zwei Männer eine wunderschön ausbalancierte Begegnung haben. Bei einem heterosexuellen Paar kann es dagegen passieren, dass beide zu Yin oder zu Yang sind. Energien sind nicht an ein Geschlecht oder an den Körper gebunden. Einige fundamentalistische Tantriker und Taoisten behaupten zwar, dass zwei Männer oder zwei Frauen nicht Tantra praktizieren könnten. Penny Slinger und Nick Douglas, die zusammen «Das große Buch des Tantra» geschrieben haben, sagen zum Beispiel, dass zwei Frauen miteinander Tantra machen können, nicht aber zwei Männer. Wenn ich mit Annie Liebe mache, ist es die Frau in mir, die Sex mit dem Mann in ihr hat. Das mag zwischen uns so sein, kann aber völlig anders sein, wenn sie mit jemand anderem zusammen ist. Annie ist übrigens sehr an Transsexuellen interessiert. Sie hatte eine Liebhaberin, Linda, aus der nach einer Operation Les geworden ist, ein Transsexueller oder eine Transsexuelle. Ich hatte Sex mit Les und Annie. Das war ungeheuer spannend: Annie, eine lesbische Frau, Les, etwas zwischen Frau und Mann mit Vagina und Penis, und ich, ein schwuler Mann.

Gab es Penetration innerhalb der Gruppe, von der du eben erzählt hast?

Joe: Nein, es ging hauptsächlich um erotische Massage. Wenn in einer Gruppe von 30 Leuten sexuelle Kontakte stattfinden, ist es wichtig, dass sich jeder und jede engagieren kann und es trotzdem sicher ist. Es waren auch Leute dabei mit Aids. Eine Sannyasin fragte mich, wer Aids habe, damit sie vorsichtig sein könne. Da sagte ich ihr: «Sei bei jedem Menschen genau gleich vorsichtig.»

In der Tantra-Szene besteht zum Teil eine richtige Aids-Paranoia.

Joe: In Edgar Alan Poes Geschichte «Mask of the Red Death» errichten Leute eine Schutzmauer um ein Schloss und schließen sich dann darin ein, um so die Pest von sich fernzuhalten. Sie sind alle an ihrer Dummheit gestorben. Eine andere Geschichte ist diejenige des Nachfolgers von Lama Chögyam Trungpa, dem Oberhaupt des Naropa-Instituts, dem ersten rein buddhistischen College in der westlichen Welt in Boulder, Colorado, der an Aids gestorben ist: Er hat mehrere Frauen und Männer mit Aids infiziert. Ein Tantriker, der andere Menschen mit Aids infiziert! Ein kleines Problem gibt es allerdings schon, wenn du ein Kondom benützst. Es kommt nämlich nicht zu demselben kraftvollen Energieaustausch wie direkt über den Zauberstab. Es wird nicht dieselbe Menge an Energie ausgetauscht, auch wenn durch deinen Körper und durch das gemeinsame Schwingungsfeld immer noch genügend Austausch stattfindet. Ich habe auch keine Erklärung dafür, es ist einfach so.

Was ist Aids für dich? Es gibt verschiedene Theorien und Interpretationen dazu. Einige sagen, es handle sich lediglich um ein energetisches Problem.

Joe: In den USA gibt es eine Schwulengruppe, eine Art schwule Hippies, die sich «Radical Faeries» nennt und sehr spirituell lebt. Noch Mitte der achtziger Jahre behaupteten «Radical Faeries», dass man sich nicht infizieren könne, wenn man einer spirituellen Tradition angehöre und heilige Liebe praktiziere. Viele «Radical Faeries» kümmerten sich deshalb kaum um Safer Sex. Mehr als 500von ihnen sind an Aids gestorben. Ich sage immer, wenn du so weit bist, dass du übers Wasser gehen kannst, kannst du auch ungeschützt Sex machen. Es mag metaphysische Gründe für Aids geben, wie es sie für vieles gibt. Aber das Grundlegende ist die Tatsache: es ist ein Virus.

Du hast von der Gruppe erzählt, die du mit Annie geleitet hast. Vor allem aber interessieren dich doch Männergruppen.

Joe: Mich interessiert in erster Linie Stammes-Tantra. Unter einem Stamm verstehe ich eine Gruppe von Leuten, die sich alle verpflichten, sich als gleichwertige und gleichberechtigte Mitglieder zu begegnen. Meine Erfahrung ist, dass das am einfachsten in einer Gruppe mit homosexuellen Männern möglich ist. Weil da schon eine natürliche Anziehung von Mann zu Mann vorhanden ist. Das heisst natürlich nicht, dass sich automatisch alle Männer gleich stark voneinander angezogen fühlen, aber sie fühlen sich als Stamm von Männern, die Männer lieben. Das gibt eine gemeinsame Basis. Dadurch besteht von Anfang an eine große Offenheit. Bei Heterosexuellen sind es Mann und Frau, also zwei, die Eins werden. Aber unter Homosexuellen sind es drei, vier oder so. Oder einer alleine. Ich mag das Märchen von Aladin und seiner Wunderlampe – für mich ist es eine Masturbations-Geschichte. Er reibt seine magische Lampe, seinen Zauberstab, und plötzlich erscheint ein Geist, sein Dschinn: «Was wünschst du dir in deinem Leben?» Er reibt weiter und die Energie aktiviert seine Talente. Es ist Sex-Magie!

Geht es dir beim Stammes-Tantra auch darum, eine ganz bestimmte Energie zu erzeugen?

Joe: Das Ziel ist, gemeinsam ein Schwingungs- oder Kraftfeld entstehen zu lassen. Zwei Menschen können das machen, oder drei, vier oder ein ganzer Stamm. Verschiedene Kulturen haben unterschiedliche Maßstäbe dafür. «Primitive» Kulturen haben meist eine sehr hohe erotische Schwingung. Sie sind die ganze Zeit in erotischer Schwingung. Die westliche Kultur hat das Volumen stark zurückgedreht. Wir tun es nur eine halbe Stunde lang, vielleicht drei Mal die Woche, wenn es hoch kommt. Gewöhnlich bleibt gar nicht genügend Zeit, dieses Schwingungsfeld aufzubauen. In diesem Kraftfeld aber können dann alle möglichen Dinge passieren. Raum und Zeit verschieben sich. Dieses Kraftfeld ist das Tor, die Verbindung zu allem was ist, zu Gott oder der Göttin, wie du es immer nennen willst. Sex zwischen einem Mann und einer Frau kann Kinder zeugen. Aber Sex kann ebenso gut etwas anderes zeugen. Zum Erzeugen eines Kraftfeldes gehört es auch, einen Schutzraum dafür zu kreieren. Damals mit diesen 15 Männern und 15 Frauen errichteten wir zuerst einen energetischen Schutzwall von einigen hundert Yards.

Wie habt ihr das gemacht?

Joe: Es gibt verschiedene Arten. Amerikanische Eingeborene haben die vier Himmelsrichtungen, die sie anrufen, die Buddhisten haben die Schutzgötter der Himmelsrichtungen und so weiter. Einige Menschen jedoch haben so viel Kraft, dass sie den Raum offen lassen können. Das kann sehr interessant sein. Wenn zum Beispiel Energien hereinkommen oder Energie hinausgelassen wird. Beim Workshop letzte Woche war die Energie zeitweise so stark, dass ich mir plötzlich Sorgen machte, weil sich der Raum mit vielen Fenstern gegen einen Garten öffnete und wir den Schutzraum auf dieser Seite offen gelassen hatten. Durch den Garten führte ein Fußweg, wo jederzeit Leute vorbeigehen konnten. In Kalifornien, wo viele Menschen auf diese Energie sensibilisiert sind, wäre es zu einem Menschenauflauf gekommen. Ich konnte es kaum fassen: in Zürich hat sich nicht einmal jemand umgedreht! Ich mache auch Gruppen, bei denen es um ekstatisches Sterben, Sterben in Seligkeit geht – eigentlich geht es in allen meinen Gruppen ums Sterben. Vor Jahren noch bat ich die Leute, die Aids hatten, nicht während der Gruppe zu sterben. Heute mache ich das Gegenteil. In einer länger dauernden Gruppe sage ich: «Wenn du bereit bist zu sterben, dann ist dies hier ein Ort dafür. Du darfst in diesem Kraftfeld loslassen.» Wo sonst transformiert sich Energie, wenn nicht beim Sterben? Letzten Sommer ereignete sich folgendes: Ein Teilnehmer, der sehr krank war, ging, so gut er noch konnte, zu den Leuten und sprach mit ihnen darüber, was es heisst, unmittelbar vor dem Tod zu stehen. Viele berührten und massierten ihn. Wir konnten ihm so viel Energie geben, dass er wieder Freude am Leben fand. Die Woche darauf ist er dann gestorben.

In den meisten Tantra-Gruppen wird das Thema Sterben vernachlässigt.

Joe: Die meisten Lehrer und Lehrerinnen sind ja auch noch jung. Ich habe einige Rituale entwickelt fürs Sterben. Ein Ritual ist für Männer und dauert 40 Stunden. Ursprünglich stammt aus der mittelalterlichen katholischen Kirche und war ein Ritual, um der Pest Einhalt zu gebieten. Anstelle der üblichen Hostien-Weihung wurde die Hostie in einem speziellen Gefäß während 40 Stunden hochgehalten und die Menschen beteten, dass die Pest aufhören möge. Ich wandelte dieses Ritual um in ein Ritual für Leute, die an Aids erkrankt sind. Die Leute bildeten drei Kreise, die Kranken, die Sterbenden waren in der Mitte. Die Leute in den Aussenkreisen meditierten, masturbierten oder machten Liebe. Auch wenn niemand gestorben ist dabei, mußte ich mir wirklich sehr klar darüber sein, dass was immer passiert, okay ist. Also, dass ich auch die Energie des Todes willkommen heiße. In fast allen Ritualen, die ich mache, lade ich Wesen ein und oft, speziell unter Homosexuellen, jene Männer, die an Aids gestorben sind und mit ihrer Energie dazu beizutragen wünschen, woran wir gerade arbeiten. Das ist Teil der Bodhisattva-Tradition: die Energie eines Menschen, der als Bodhisattva gestorben ist, einzuladen, um Unterstützung zu bitten beim Heilen, Transformieren, das Herz öffnen. Das habe ich übrigens von Annie gelernt.

Du hast Annie bereits zu Beginn unseres Gesprächs als Lehrerin erwähnt. Wer außer ihr hat deine Arbeit sonst noch maßgeblich mitbestimmt?

Joe: Ich habe viel von Schwulen in New York gelernt, Großstadt-Schamanen. Aber diejenigen, die mich am meisten – positiv wie negativ – beeinflußt haben, sind die Jesuiten. Sie lehrten mich, Menschen zu lieben und was Reue bedeutet. Ich sah mir einige meiner Lehrer an und dachte mir: «So will ich nicht enden!». Ich bin heute 46 und bereue nichts. Natürlich habe ich einige Entscheidungen getroffen, die nicht richtig waren, aber ich schaue auf ein erfülltes Leben zurück. Was ich auch gelernt habe, war, nicht zu kommen, also keine Ejakulation zu haben. Das war meine wichtigste Lektion. Ich hatte täglich fünf Stunden Sex. Ich wollte genießen, stundenlang, tagelang. Aber ich mußte irgend etwas mit dieser Energie machen. So lernte ich, sie in meinem Körper kreisen zu lassen. Etwa zur selben Zeit machte ich die Bekanntschaft mit LSD. Danke, liebe Schweiz, für diese heilige Substanz! Gestern schaltete ich den Fernseher ein und sah Albert Hoffmann. Da dachte ich mir: «Ja, ich bin in der Schweiz!» Ich glaube, er kommt hier immer am Fernsehen. Also, ich habe viel mit LSD experimentiert und dabei gelernt, zu sein, zu surfen, mein Herz völlig zu öffnen. Ich glaube, vielen Schwulen hat heiliger Sex dazu verholfen, ihr Herz zu öffnen und als so viele an Aids erkrankten, haben sie dann oft ihre Freunde ins Sterben begleitet. Es ist keine leichte Aufgabe, Menschen am Sterbebett zu begleiten. Die erotische Verbindung zwischen schwulen Männern in den USA ist sehr stark. Ich bin sowieso davon überzeugt, dass eine erotische Verbindung, wenn sie wirklich erotisch ist, für immer ist. Für die Ewigkeit. Und wenn nur für fünf Minuten eine wirkliche Verbindung entsteht – es ist für immer!

Interview: Zeenat B. Brüsch


Joe Kramer

 

Joe Kramer ist in St. Louis, Missouri, als ältestes von sechs Kindern einer katholischen Familie zur Welt gekommen. Er besuchte eine Jesuiten-Highschool und studierte dann Mathematik, Philosophie und Theologie.

1976 ging er von Berkeley, Kalifornien, nach New York, wo er an einer katholischen Mädchenschule unterrichtete, sich in der Schwulen-Szene herumtrieb, in einer Organisation homosexueller Katholiken aktiv war und sich für die Rechte der Schwulen einsetzte.

1979 kehrte er nach Berkeley zurück, wo er an der Graduate Theological Union mit dem Master abschloß und verschiedene Massage-Schulen besuchte. Sein besonderes Interesse galt der Akupressur, Rebirthing und dem Werk von Wilhelm Reich.

1984 gründete er in Oakland, Kalifornien, die Body Electric School für Massage und Rebirthing.

1993 gründete er das EroSpirit Research Institute, das Videos und Audio-Kassetten produziert und vertreibt.